Neue Einzelfigur bei der Narrenzunft Ulm: Ausscheller Spatzameez

Pressebericht zur Spendenübergabe
3. August 2017
Der Spatzameez wurde offiziell beim Häsabstauba vorgestellt.
11. Januar 2018

„… Ond wenn er recht gschellet hat, ond ra gschria vom Boga, noa schreiet se: Spatzameez! S´ischt älles verloga!“ Mit diesem Spotvers wurden Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts in Ulm die beiden städtischen Ausscheller Kaspar Rau und Konrad Wacker, beide genannt „Spatzameez“, von den Straßenbuben verspottet. So ist es in der Schultes-Chronik von A.D.Schultes von 1881 überliefert. Die Narrenzunft Ulm verkörpert ab der Fasnet 2018 dieses Ulmer Original.

Schon länger hegten ein paar Ulmer Narren den Wunsch nach einem Büttel. Ein Büttel ist der Mann mit der Schelle, der lautstark die Zunft bei einem Narrensprung oder anderen öffentlichen Veranstaltungen anführt, und den Narrenruf laut mit den Zuschauern schreit, bzw. sonstige Proklamationen verliest.

Historisch ist dies auf die früheren Ausrufer, Ausscheller, Schreier, Büttel, oder wie auch immer die Amtsbezeichnung in den Orten war, zurück zu führen. Eben der Mann, der dafür zuständig war, Ratsbeschlüsse, Neuigkeiten, Termine oder was auch immer der Bevölkerung bekannt zu geben. Abgelöst wurden die Ausscheller erst Mitte des 20. Jahrhunderts durch öffentliche Lautsprecheranlagen, Amtsblätter, Zeitungen oder das Radio.

Nach der Fasnet bildete sich im März 2017 ein Arbeitskreis mit brauchtumsliebenden Narren, um den Wunsch in die Tat umzusetzen. Es galt Chroniken und alte Schriften zu durchforsten, wie in Ulm der „Büttel“ ausgesehen hat. Wir danken auch dem Ulm-Chronist Uwe Schweikert, der uns ebenfalls wichtige Infos lieferte.

In Ulm war das Amt des Ausschellers seit dem Mittelalter in der Familie Murr. Dies wurde auch intern weitergegeben. Da es üblich war, Amtsbezeichnungen auf den Familiennamen zu übertragen, sprach man in Ulm über Jahrhunderte nicht vom Ausscheller, sondern vom „Murr“. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts hat der letzte Murr die Aufgabe an Kaspar Rau übertragen.

Kaspar Rau war von Hauptberuf Weber, seine Geburtsdaten sind nicht überliefert. Seinen Spitznamen „Spatzameez“ hat er nicht, wie man für einen Ulmer meinen könnte, vom Ulmer Spatz, sondern von den schwäbischen Teigwaren. Seine Leibspeise war „Spatza-gschmeez“, der Bodensatz vom mehrmals benutzten Kochwasser der Spätzla. Mit Gemüse war es als Suppe damals ein billiges Essen.

Rau hatte eine possierliche Figur, einen guten Appetit und vor allem einen Sprachfehler. Er konnte seine Leibspeise nicht richtig aussprechen, daher der Spitzname. Er war eine angesehene Amts- und Respektsperson, wurde aber auch wegen seinem Sprachfehler von den Straßenbuben gehänselt und musste sich den überlieferten Spottvers gefallen lassen: „ … Ond wenn er recht gschellet hat, ond ra gschria vom Boga, noa schreiet se: Spatzameez! S´ischt älles verloga!“

Der Spitzname wurde wiederrum zur Amtsbezeichnung: sein Nachfolger Konrad Wacker (1790 – 26.09.1860), Beruf Weber, wurde zu Unrecht auch so genannt, obwohl er größer und schlanker war, und keinen Sprachfehler hatte.

Der Spatzameez gehört zu den Ulmer Stadtoriginalen, und ist zusammen mit dem Kuhberg-Michel und dem Schneider von Ulm auf dem „Teichmann-Brunnen“ von 1910, der in der Neuen Straße/Sattlergasse zwischen dem weißen Gebäude der Sparkasse Ulm und der Baden-Württembergischen Bank steht, verewigt.

Ebenfalls war er zusammen mit Ulmer Spatz, Ulmer Schachtel, dem Schneider vom Ulm und der Ulmer Silhouette der Titelkopf der Ulmer Bilder-Chronik, welche in den 1930er Jahren erschien. Die Ulmer Münster-Brauerei brachte in den 80er eine Bierdeckel-Serie mit den Ulmer Originalen heraus und beim Ulmer Fischerstechen ist der Spatzameez auch dabei.

Vielerorts gab es Amts- bzw. Gerichtsdiener, welche gleichzeitig Polizeigewalten bzgl. Sperrstunde oder ähnliches hatten, aber auch Neuigkeiten ausschellten. Daher ist in der Fasnetslandschaft der Büttel meist in Uniform. Ulm war im Mittelalter schon so groß, dass es für die Aufgaben separate Personen gab. Unsere Ausscheller hatten keine Polizeigewalten, weshalb der Ulmer „Büttel“ somit ein bürgerliches Häs und keine Uniform trägt. „Büttel“ ist ein üblicher Oberbegriff, die Narrenzunft Ulm redet jedoch von ihrem Ausscheller oder vom Spatzameez.

Die Narrenfigur Spatzameez ist dem Original sehr authentisch nachempfunden. So trägt er, wie bildlich überliefert, die damalige Biedermeier-Mode der gehobenen Mittelschicht: schwarzer Gehrock, schwarz-grau gestreifte Hose mit hohem Bund, Weste mit rotem Grundton, weißes Hemd mit Stehkragen, Querbinder (Plastron), graue Handschuhe, schwarzer Zylinder und natürlich seine Schelle. Und wenn er möchte, darf er mit Gehstock oder Schirm auf die Straße. Dem Spatzameez wurde als Narrenattribut ein Hutband mit den Ulmer Farben schwarz/weiß und der Farbe vom Plastron gegeben.

Beim Konvent des Alemannischen Narrenrings wurde im Oktober 2017 die neue Narrenfigur vorgestellt und genehmigt.
Die Narrenzunft Ulm freut sich sehr über Ihren „Familienzuwachs“, und dass es bald auf den Straßen so klingt: „dedeng-dedeng Zong-raus“.

Narrenzunft Ulm e.V. – Postfach 3973 – 89029 Ulm
info@narrenzunft-ulm.de
www.narrenzunft-ulm.de

Abdruck frei – Belegexemplar erbeten.