Ausscheller Spatzameez

Ausscheller Spatzameez

„ … Ond wenn er recht gschellet hat, ond ra gschria vom Boga, noa schreiet se: Spatzameez! S´ischt älles verloga!“ Mit diesem Spotvers wurden Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts in Ulm die beiden städtischen Ausscheller (*weitere Infos) Kaspar Rau und Konrad Wacker, beide genannt „Spatzameez“, von den Straßenbuben verspottet. So ist es in der Schultes-Chronik von A.D.Schultes von 1881 überliefert. Die Narrenzunft Ulm verkörpert ab der Fasnet 2018 dieses Ulmer Original.

Kaspar Rau war von Hauptberuf Weber, seine Geburtsdaten sind nicht überliefert. Seinen Spitznamen „Spatzameez“ hat er nicht, wie man für einen Ulmer meinen könnte, vom Ulmer Spatz, sondern von den schwäbischen Teigwaren. Seine Leibspeise war „Spatza-gschmeez“, der Bodensatz vom mehrmals benutzten Kochwasser der Spätzla. Mit Gemüse war es als Suppe damals ein billiges Essen.

Rau hatte eine possierliche Figur, einen guten Appetit und vor allem einen Sprachfehler. Er konnte seine Leibspeise nicht richtig aussprechen, daher der Spitzname. Er war eine angesehene Amts- und Respektsperson, wurde aber auch wegen seinem Sprachfehler von den Straßenbuben gehänselt und musste sich den überlieferten Spottvers gefallen lassen: „ … Ond wenn er recht gschellet hat, ond ra gschria vom Boga, noa schreiet se: Spatzameez! S´ischt älles verloga!“ Der Spitzname wurde wiederrum zur Amtsbezeichnung: sein Nachfolger Konrad Wacker (1790 – 26.09.1860), Beruf Weber, wurde zu Unrecht auch so genannt, obwohl er größer und schlanker war, und keinen Sprachfehler hatte.

Der Spatzameez gehört zu den Ulmer Stadtoriginalen, und ist zusammen mit dem Kuhberg-Michel und dem Schneider von Ulm auf dem „Teichmann-Brunnen“ von 1910, der in der Neuen Straße/Sattlergasse zwischen dem weißen Gebäude der Sparkasse Ulm und der Baden-Württembergischen Bank steht, verewigt. Ebenfalls war er zusammen mit Ulmer Spatz, Ulmer Schachtel, dem Schneider vom Ulm und der Ulmer Silhouette der Titelkopf der Ulmer Bilder-Chronik, welche in den 1930er Jahren erschien. Die Ulmer Münster-Brauerei brachte in den 80er eine Bierdeckel-Serie mit den Ulmer Originalen heraus und beim Ulmer Fischerstechen ist der Spatzameez auch dabei.

Die Narrenfigur Spatzameez ist dem Original sehr authentisch nachempfunden. So trägt er, wie bildlich überliefert, die damalige Biedermeier-Mode der gehobenen Mittelschicht mit schwarzem Gehrock, schwarz-grau gestreifter Hose mit hohem Bund, Weste, schwarzer Zylinder und natürlich seiner Schelle.

Die Narrenzunft Ulm freut sich sehr über Ihren „Familienzuwachs“, und seit der Fasnet 2018 klingt es auf den Straßen: „dedeng-dedeng Zong-raus“.

weitere Infos: „Ausscheller“ … was ist das?